21.02.2020
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„Für die Freiheit und Toleranz muss man eintreten“

In seinem aktuellen Buch „Die verspielte Welt“ berichtet Paul Lendvai von Begegnungen und Erinnerungen. Journalismus ist für ihn der „schrecklichste, aber auch interessanteste Beruf“. Warum ihn Angela Merkel so beeindruckt und wie es ihm gelingt, sich als 90-Jähriger wie ein rüstiger 60er zu fühlen, erzählt er im Interview.

Der Titel Ihres neuesten Buches lautet „Die verspielte Welt“ – was wollen Sie den Lesern darin vermitteln?
Ich will den Lesern die ungeheure Kompliziertheit der modernen Welt näher bringen und darauf hinweisen, dass man nichts voraussagen kann und große Demut vor den unberechenbaren Kräften der Geschichte haben muss.  
Das versuche ich durch konkrete Beispiele aus der mitteleuropäischen Zeitgeschichte zu illustrieren. In diesem Zusammenhang hebe ich besonders die Rolle der Persönlichkeit als gestaltende Kraft hervor. Dabei verheimliche ich nicht die Gefahren des Kultes des starken Mannes, der gerade in diesen Jahren das politische Geschehen, von den Vereinigten Staaten bis Russland, prägt. Dabei spielt natürlich die Kommunikationsrevolution eine besondere Rolle. Die Gefahren sind größer und akuter geworden. Und die Verteidigung der europäischen Werte wird deshalb eine schwierige Aufgabe. Ich gehe aber davon aus, dass die Zeitgeschichte auch in einer Art und Weise dargestellt werden kann, die die Leser nicht langweilt, sondern fesselt.

Welche Persönlichkeit hat Sie in den letzten Jahren am meisten beeindruckt?  
Mich hat vor allem die komplexe, ja verschlossene Persönlichkeit der deutschen Bundeskanzlerin Angela Merkel beeindruckt. Ihr Weg aus der DDR an die Regierungsspitze der Bundesrepublik während der letzten 15 Jahre war eine der großen menschlichen Leistungen unserer Zeit.
Sie hat dabei im Gegensatz zu so vielen Politikern ihre Bescheidenheit, ihre Zurückhaltung und ihre Menschlichkeit bewahrt. In schwierigen Zeiten hat sie Führungsqualitäten gezeigt. Dass sie dabei auch Fehler gemacht hat, wie z.B. hinsichtlich der Flüchtlingskrise, ist nicht zu bestreiten. Sie war jedoch immer bereit und meistens fähig, auch die Fehler zu korrigieren. Sie hat maßgeblich zum Ansehen der Bundesrepublik Deutschland beigetragen. Sie hat ihre Vorbehalte bezüglich der autoritären Tendenzen in Russland oder China verständlich, aber nicht provokant zum Ausdruck gebracht.
Wie so oft in der Geschichte werden die Poltikerinnen und Politiker, je länger sie an der Macht sind, umso härter kritisiert. Man kann natürlich darüber diskutieren, ob sie nicht schon früher ihren Rücktritt erklären hätte sollen. Der Abschied von der Macht ist aber die allerschwierigste Aufgabe für einen Politiker und es gibt kaum einen, der das fehlerlos bewältigt hat.

Sie widmen sich in Ihrem Buch auch umfangreich dem umstrittenen Literaturnobelpreisträger Peter Handke. Warum?
Dass ich über die Haltung Peter Handkes zur jugoslawischen Tragödie schon lange vor dem Literatur-Nobelpreis geschrieben habe, war ein Zufall, der der Aktualität des Buches geholfen hat. Ich habe keine persönlichen Animositäten ihm gegenüber. Mir ging es nur um seine Verantwortung als großer Schriftsteller für die Anfachung der nationalen Leidenschaften im Balkan-Hexenkessel.
Leider ist er bis zum heutigen Tag nicht bereit, sich mit seinen diesbezüglichen Fehlern (Unterstützung für den mörderischen, großserbischen Nationalismus) auseinanderzusetzen. Es bleibt also ein dauerhafter Schatten über seinem schriftstellerischen Werk.

Wollten Sie schon immer Journalist werden?
Ich wollte immer Journalist werden, weil ich den Journalismus für „den schrecklichsten, aber interessantesten Beruf“ (Klaus Harpprecht) halte. Das Wichtigste ist, die Unabhängigkeit zu bewahren.

Sie wurden wegen Ihrer jüdischen Herkunft von den Nazis verfolgt, entgingen nur knapp dem Holocaust, Sie wurden interniert, mit Berufsverbot belegt. Wie denken Sie daran zurück?
Ich denke an diese dunklen Zeiten 1944, 1953 und 1956 nur dann zurück, wenn ich mich mit diesen in meinen Schriften oder Vorträgen beschäftige. Die wichtigste Schlussfolgerung ist, dass man für die Freiheit und für die Toleranz, gegen Antisemitismus und Fremdenhass immer wieder offen eintreten muss. In diesen Fragen kenne ich keine Kompromisse.

Andere in Ihrem Alter haben sich längst zur Ruhe gesetzt. Was treibt Sie an?
Da ich die Jahre nur seit meiner Ankunft in Österreich am 4. Februar 1957 zähle, fühle ich mich noch wie ein rüstiger 60er. Da es noch soviel zu tun gibt – in Österreich und in Europa – kann ich nicht untätig bleiben. Die wöchentliche Kolumne für den „Standard“, mein Kind: die Zeitschrift „Europäische Rundschau“, und das ORF-“Europastudio“, all das hält mich jung. Ich halte es mit dem großen österreichischen Schriftsteller Friedrich Torberg, der sinngemäß in einer autobiographischen Skizze geschrieben hat: Man sagt ihm, er mache zuviel, aber er will nur dann aufhören, wenn ihm etwas überzeugend misslingt!“ Johanna Monitzer

Foto: Oft stand Paul Lendvai an den entscheidenden Punkten politischer Entwicklungen – als kritischer Journalist, aber auch als aufmerksamer Gesprächspartner internationaler Persönlichkeiten. Foto: Ramstorfer

Buchtipp - P. Lendvai: „Die verspielte Welt“
Paul Lendvai ist mehr als ein Journalist. Er ist Kenner Osteuropas und war den Großen und Mächtigen der Welt ein Gesprächspartner. In seinem zehnten Lebensjahrzehnt blickt er in dem Buch „Die verspielte Welt“ noch einmal zurück.
Historische Wenden und politische Zäsuren hat Lendvai, der 1929 in Budapest geboren wurde und seit 1957 in Wien lebt, etliche erlebt. Über vieles, was wir aus Lehrbüchern kennen, berichtete Lendvai aus erster Hand.

Sein umfangreiches Wissen und sein Blick in die Vergangenheit helfen, heutige Politiker besser einzuschätzen und die komplexen Verflechtungen der Geschichte Osteuropas zu verstehen. Seine Erinnerungen an herausragende Persönlichkeiten und Anekdoten aus einem bewegten Journalistenleben machen das Buch zu einem einzigartigen Schatzkästlein der Zeitgeschichte.
Das Buch „Die verspielte Welt“ von Paul Lendvai ist im ecowin Verlag erschienen.

Am 25. Februar in der Alten Gerberei zu Gast
Auf Einladung des Literaturvereins gastiert Paul Lendvai am Dienstag, 25. Februar, in der Alten Gerberei in St. Johann. Beginn ist um 19.30 Uhr. Reservierung (empfohlen) unter info@literaturverein.at

 
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