18.02.2019
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Flüchtige Erscheinungen

Ein Kind, gehüllt in eine viel zu groß geratene Jacke mit Fellkappe am Kopf. Es hockt am Boden, den Blick zum Betrachter gewandt, als ob es soeben von jemanden gerufen wurde. Neben sich am Boden liegt eine Wasserflasche. Wasser – in vielen Ländern vielleicht das wahre Gold des Lebens. Nada Dietel gibt in ihren Bildern diesen Kindern eine Stimme.

Kössen | Die bildende Künstlerin Nada Dietel (*1956) wählt in ihrem aktuellen Schaffenszyklus Kinder verschiedener Ethnien zum zentralen Mittelpunkt ihrer Malerei. Sie erzählt von ihren Herausforderungen im Alltag, von einem Leben in Randgruppen, gefordert von ihren täglichen Aufgaben, die uns als trivial erscheinen. Dabei versucht die Künstlerin Emotionales und Persönliches augenscheinlich zu vermitteln: Ihr zentraler Fokus der bildlichen Darstellung liegt immer im Porträt – immer in den Augen der Dargestellten, die als zentrales Tor zum Menschen zu verstehen sind. Der mimische Ausdruck, die Art des Blickes, die Körperhaltung sind ein klarer Hinweis auf den seelischen Zustand dieser Kinder. Kleidung oder verschiedenste Gegenstände drängen sich auf den ersten Blick gar nicht in den Vordergrund.

Dieses Bilderlebnis kommt nicht von ungefähr, denn Dietel lässt alles Unwichtige weg, reduziert den Hintergrund so lange, bis nur mehr jene Details übrig bleiben, welche die dargestellten Figuren oder auch der Betrachter brauchen, um einerseits eine Geschichte zu erzählen und andererseits das zu vermitteln, was das Werk einem unterschwellig sagen möchte.

Unwichtiges verschwindet

Ein treffendes Beispiel ist das Bild „all time“. Fesselnd wirken im ersten Moment die Augen des Kindes, die es in Richtung Betrachter richtet. Die Umgebung ist im Grunde gar nicht dargestellt, der Hintergrund in einem sandfarbigen Ton gehalten. Und doch lässt einem die Vermutung nicht los, dass der kleine Bub vielleicht vor etwas geflüchtet ist oder auf jemanden wartet. Er hat nichts bei sich, keine Tasche, kein Spielzeug. Er besitzt lediglich eine Flasche lebenswichtiges Wasser. Die Darstellung der Kleidung lässt etwas Camouflage-ähnliches anmuten und verschwimmt mit dem Hintergrund. Nur mehr vereinzelt werden kleine Details wiedergegeben, die sich in kleinen Bildpunkten flüchtig auflösen und damit eine Beziehung zu unserer digitalen Welt herstellen.

Die Künstlerin selbst gräbt während ihres künstlerischen Schaffensprozesses nach dem Unscheinbaren, nach dem nicht Offensichtlichen. Ihr Ausgangspunkt ist immer die Fotografie. In einem nächsten Moment tastet sie sich mit dem Pinsel an das Motiv heran, reduziert alles, was vom Thema ablenkt, was im Sinne einer klaren Botschaft Verwirrung stiftet. Sie reduziert nicht nur den Hintergrund, auch in ihren dargestellten Figuren konzentriert sie sich auf das Wesentliche. Sie zeichnet regelrecht mit dem Pinsel und entwickelt damit für sich eine unverkennbare Bildsprache.

Warum sich Dietel für Randgruppen interessiert, hat vielleicht mit ihrer eigenen Geschichte zu tun. Die Eltern der Künstlerin kommen aus Kroatien und Dalmatien und wurden nach ihrer Flucht in den 1950er Jahren in Kärnten ansässig. Bringt man den Vornamen „Nada“, den ihre Eltern ihr gaben, mit der Familiengeschichte in Zusammenhang, so erscheint dieser in Verbindung mit den Bildern fast als Programm. Nada kommt aus dem Slawischen und bedeutet nämlich „Hoffnung“, im arabischen Raum auch „Großzügigkeit“.

Bewusstes Spiel mit Doppeldeutigkeiten

Dietel arbeitet in ihren Bildern bewusst mit Doppeldeutigkeiten und fordert den Betrachter auf und heraus, Gesehenes zu hinterfragen. Sie wirft Fragen auf, die die Bilder nie eindeutig beantworten, die letztlich der Betrachter in Interaktion mit den Bildern für sich selbst beantworten kann. Obwohl Dietels Bildsprache völlig klar und eindeutig ist, die Antworten auf gestellte Fragen werden für jeden anders ausfallen. Ihre Bilder fungieren als Spiegel jedes Individuums und dessen Erfahrungswelt, als Reflexion einer Gesellschaft mit ihren Problemen.

„The two of us …“ – ein Mädchen mit zwei Teddybären am Schoß deutet genau diese Doppeldeutigkeit an. Bezieht sich der Titel auf den grauen und braunen Bären? Spielt der Titel auf Bildmotiv und Betrachter an? Könnte das Licht-Schattenspiel im Gesicht des Mädchens eine Interpretation der weißen und schwarzen Bevölkerung sein? Oder verarbeitet die Künstlerin darin ihre Beziehung zu ihrer Zwillingsschwester?

Dietels Bilder stellen Fragen und sie geben auch Antworten. Sie besitzen die Qualität des Unfertigen. Sie sind Momentaufnahmen, die eine eindeutige Vergangenheit zu erkennen geben, den Blick in die Zukunft allerdings für jeden offen lassen.

Ausstellung in Kössen

Nada Dietel zeigt ihren akutellen Schaffenszyklus „moments“ im Gemeindeamt Kössen. Bildrechte: Dietel/Fotos: Dorner-Bauer

KunstBlicke: Mag. Martina Dorner-Bauer
ist Kunsthistorikerin, Ausstellungskuratorin, Autorin, Betreuerin
div. Kunstsammlungen und Gründerin der Agentur DieKunstagenten.

 
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