14.04.2017
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Ethik soll am Markt belohnt werden

Der Wirtschaftsreformer und Gemeinwohlökonom Christian Felber hielt auf Einladung des Rotary Clubs und der Tyrolia St. Johann einen Vortrag über „ethischen Welthandel“. Der Kitzbüheler Anzeiger bat ihn zum Interview.

St. Johann  | Was ist aus Ihrer Sicht das Problem des weltweiten Freihandels?
Das größte Problem ist, dass das Ziel das falsche ist. Freihandel kann man so übersetzen, dass Handel zum Ziel um seiner selbst willen geworden ist, obwohl er eigentlich nur ein Mittel zum Allgemeinwohl sein sollte. Er wird durchgesetzt nach dem Motto: Je mehr Handel desto besser, ganz unabhängig davon, ob die Menschenrechte und der Klimaschutz eingehalten werden, oder nicht. Die Spielregeln des internationalen Handels werden nicht in der UNO gemacht, sondern abseits in der Welthandelsorganisation WTO. Das ist der Systemfehler.

Wie gestaltet sich der von Ihnen vorgeschlagene ethische Handel? Ist Wirtschaftswachstum dort eine relevante Größe?
Wirtschaftswachstum ist überhaupt kein Ziel. Die Alternative wäre, humane und ethische Ziele direkt zu definieren und direkt anzustreben. Wir schlagen als Ziel das Gemeinwohlprodukt vor, wir sollten beim Handel überprüfen, ob dieses wächst und nicht das BIP. Die Statistiken belegen eindeutig, dass mit jedem Jahrzehnt Liberalisierung das Pro-Kopf-Wachstum zurückgegangen ist. Gleichzeitig gibt es immer freieren Handel. Das zeigt sogar, dass die, die mit Handel das Wirtschaftswachstum fördern wollen, auf keine überzeugenden empirischen Daten zurückgreifen können.

Welche Macht wäre überhaupt groß genug, diese Ideen global durchzusetzen?
Mein Vorschlag ist, wir machen das souverän. Wenn man die Regierungen fragen würde: ‚Wie wollt ihr die Spielregeln des internationalen Handels anlegen? Wollt ihr die Vereinten Nationen, – mit definierten Richtlinien für Klima-, Umweltschutz, Arbeits- und Menschenrechte – oder wollt ihr das außerhalb machen? Wollt ihr dafür sorgen, dass kein Unternehmen zu groß und zu mächtig wird? Oder wollt ihr ihnen sogar noch Klagsrechte gegen eure Länder einräumen?‘ Ich gehe jede Wette ein, dass es kein Land der Welt gibt, wo die Souveräne sich für ein Zwangshandelssystem entscheiden. Das Grundmandat für die Handelspolitik müsste korrigiert, überarbeitet werden: Wir sollten direkt die Bevölkerung fragen. Dann müssten die EU Kommission und die Parlamente danach handeln.

Was kann der Konsument beitragen?
Die Konsumenten haben auch eine Mitverantwortung. Alle Teilnehmer eines Systems haben sie. Aber man muss schauen, wer wie viel Macht in dem System hat. Die Konsumenten haben die Wahl zwischen billigeren und teureren Produkten. Die teureren sind dabei oft die ethischeren. Wer sich dafür entscheidet, wird vom derzeitigen Handelssystem gestraft. Die meisten Märkte bieten ethische Produkte teurer oder gar nicht an.
Die meiste Macht haben in dem System die Bürger. Und zwar nicht in der Rolle als Konsumenten, sondern als Staatsbürger. Wenn wir als Staatsbürger die Spielregeln im Welthandel direkt bestimmen können, sind eines Tages die ethischen Produkte billiger als die unethischen. Heute können wir nur die Vertreter der Parlamente bestimmen, die die falschen Spielregeln beschließen, aber morgen schreiben wir diese Gesetze selbst.

Wie kann man dem Streben des einzelnen Marktteilnehmers nach Gewinnmaximierung entgegentreten? Gibt es eine praktikable Logik, die darübersteht?
Das Gemeinwohl war immer  – von Aristoteles über Adam Smith bis zu den heutigen Verfassungen – die höchste Maxime. Handel, Geld und die Wirtschaft als Ganzes sind Mittel zum Zweck des Gemeinwohls. Wenn wir das konsequent umsetzen, müssen in allen wirtschaftlichen Aktivitäten die ethischen Leistungen besser gestellt werden, als die unethischen. Derzeit sind Unternehmer dann am erfolgreichsten, wenn sie am unethischsten sind. Der freie Wettbewerb ohne verbindliche Menschenrechte und Co. führt dazu, dass sich die „Foul-Player“ durchsetzen. Der Haken ist, dass die Spielregeln falsch geschrieben sind. Und mit neueren Theorien unterlegt, von Teilströmungen der Ökonomie, die behaupten, der Mensch sei egoistisch. Das ist eine genauso junge, wie falsche Theorie. Wenn wir das Gemeinwohl maximieren wollen, geht das über Kooperation und nicht über Egoismus. Vielleicht ist das die wichtigste Maxime der Gemeinwohl-Ökonomie.
Das blinde Vertrauen darauf, dass das Gemeinwohl von selbst entsteht, hat sich als Trugschluss herausgestellt. Wenn wir das Gemeinwohl verlässlich erreichen wollen, müssen wir die Spielregeln entsprechend umschreiben.

In Zeiten der Digitalisierung, da sich das klassische Muster der Arbeit zu ändern beginnt und der Mensch durch die Maschine ersetzt wird, braucht es da neue Ideen? Schlagen Sie z.B. ein bedingungsloses Grundeinkommen vor?
Ein bedingungsloses Grundeinkommen braucht man jetzt ohnehin schon: Jetzt wird bereits die Würde von Menschen verletzt, die kein ausreichendes Einkommen trotz Arbeit haben, die keine Arbeit haben, die ausgegrenzt sind. Es bereichert sich eine Elite auf Kosten einer wachsenden Unterklasse. Die Digitalisierung ist kein Naturgesetz. Eine Rationalisierung der Arbeit ist in der ethischen Ökonomie nur dann möglich, wenn sie nicht auf Kosten des Ökologischen und der Sinnerfahrung in der Arbeit geht. Elisabeth Galehr

Bild: Christian Felber lebt als Autor und Universitätslektor in Wien. Der Salzburger hat Attac Österreich mitbegründet und initiierte 2010 die internationale Gemeinwohl-Ökonomie-Bewegung sowie das Projekt „Bank für Gemeinwohl“.  Kürzlich wurde er mit dem „ZEIT-Wissen-Preis“ ausgezeichnet. Foto: friedlundpartner

 
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