21.10.2017
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„Es gab das Feindbild Islam nicht“

Der Jugoslawienkrieg, der die letzte große innereuropäische Flüchtlingswelle in den 90er auslöste, greift Autor Robert Prosser in seinem Roman „Phantome“ auf. Österreich nahm zahlreiche muslimische Flüchtlinge auf. Der Islam war damals noch kein Feindbild. Drei Jahre recherchierte der Tiroler in Bosnien. Das Buch macht zornig und traurig zugleich.

Sie beschreiben eindrucksvoll, was Krieg aus Menschen macht, ohne sich auf jemandes Seite zu schlagen. Wie sind Sie dazu gekommen, sich mit dem Jugoslawienkrieg zu beschäftigen?
Das ergab sich im Laufe des Schreibens und der Recherche. Anfangs wollte ich einfach mehr über Bosnien wissen und mehr von der Gegenwart dieses Landes verstehen. Ich habe mehr als drei Jahre an dem Buch gearbeitet und in dieser Zeit immer wieder Bosnien bereist. Während dieser Aufenthalte wurde ich laufend mit dem Krieg konfrontiert, der in der Gesellschaft und im Leben Einzelner nachwirkt. Ohne den Krieg und die Beschäftigung damit lässt sich von Bosnien kaum erzählen – leider.

Im Hauptteil des Buches geht es um Anisa, der die Flucht gelingt und ihren Freund Jovan, der widerwillig in die Armee einrücken muss – nun fragt man sich, gibt es die beiden wirklich?
Beide sind eine Mischung aus Fakt und Fiktion, aus realen Menschen und meiner Phantasie, vor allem Anisa ist großteils erfunden. Die Geschichte Jovans dagegen orientiert sich bei einigem an der Lebensgeschichte eines bosnischen Serben, den ich während der Recherche kennenlernte und seither zu meinen Freunden zählen darf.

Ihr Buch behandelt auch das viel diskutierte Thema Flucht. Beim Jugoslawienkrieg hat Österreich viele Menschen aufgenommen – sehen Sie Unterschiede zur heutigen Hilfsbereitschaft der Österreicher?
Ja, viele. Jene, mit denen ich Interviews geführt habe, egal ob ehemalige bosnische Flüchtlinge oder Rot-Kreuz-Mitarbeiter, berichteten durchwegs, dass es damals eine hohe Hilfsbereitschaft von Seiten der heimischen Bevölkerung gab, und es weder medial noch politisch ein Thema war, welcher Religion die Flüchtlinge angehörten. Dass es sich meist um bosnische Muslime handelte, war egal, es gab das Feindbild „Islam“ noch nicht, was für einen wesentlichen Unterschied zur Gegenwart sorgt.

Der Titel „Phantome“ verrät es ja schon ein wenig, die Kriegs-Phantome holen die Protagonisten wieder ein. Vergessen wir, die nie einen Krieg erlebt haben, zu schnell?
Ich glaube, dass die Lektionen, die in derart schrecklichen Geschehnissen drin stecken, zu leichtfertig beiseite geschoben werden. Am Bosnienkrieg, und daran, wie er besonders von serbischer Seite unter Milosevic geführt wurde, lässt sich nachvollziehen, wie eine Gesellschaft durch die herrschenden Eliten manipuliert wird, wie Propa-
ganda funktioniert und Feindbilder in den Köpfen festgesetzt werden – und wohin die Machtgier einiger weniger führen kann.  

Sie präsentieren Ihr Buch nicht im Rahmen einer Lesung, sondern einer Performance –was dürfen sich die Besucher darunter vorstellen?
Mir ist der Vortrag sehr wichtig, der Live-Auftritt ist neben dem Schreiben ein wesentlicher Aspekt meiner künstlerischen Arbeit. Ich rezitiere frei, verwende Sound und Film, einerseits, um die Energie, die im Text drinsteckt, möglichst intensiv umzusetzen, und andererseits, um das in Bosnien gefilmte und aufgenommene Recherchematerial weiter verwenden zu können und daraus eine Art Komposition zu kreieren, aus Video, Stimme und Musik.
Johanna Monitzer

Robert Prosser ist am Montag, 23. Oktober, um 19.30 Uhr mit seiner Performance zu „Phantome“ in der Alten Gerberei in St. Johann zu Gast. Mehr Infos unter www.literaturverein.at.   Foto: ullstein/Melanie Hauke

 
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