18.03.2017
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Erinnerungen an dunkle Jahre

Er ist 104 Jahre alt und hat seinen Sinn für Humor nicht verloren.  Marko Feingold, der älteste noch lebende Holocaust-Überlebende, im Gespräch mit Michael Kerbler. Ein Abend der bewegte.

St. Johann | Marko Feingold war beim Anschluss an Nazi-Deutschland 25 Jahre alt. Er und sein Bruder flohen vor den Nazis nach Prag, von dort wurden sie nach Polen ausgewiesen. „All die Schmäh‘s, die ab 1945 in Umlauf gebracht wurden, dass Österreich überfallen wurde, kann ich widerlegen. Ich war dabei“, sagt Marko Feingold. Da die Pässe der Feingold-Brüder in Österreich nicht mehr verlängert wurden, waren sie kurzerhand staatenlos. Mit falschen Papieren gelangten die beiden wieder zurück nach Prag, wo sie 1939 festgenommen und ins Konzentrationslager nach Auschwitz deportiert wurden.

30 Kilogramm bei einer Größe von 165 cm

In Auschwitz mussten sie als erstes all ihre Habseligkeiten abgeben. „Sechs Jahre später hab ich meine Kleidung in einem Sack wieder zurückbekommen – das nennt man Deutsche Ordnung“, erzählt Feingold. Der 165 große Mann wog bei der Ankunft in Auschwitz 55 Kilogramm. Die Inhaftierten wurden ausgehungert. Innerhalb von zwei Monaten reduzierte sich seine ohnehin nicht stattliche Statur auf ein Gewicht von 30 Kilogramm. „Wenn man kein Fett mehr am Körper hat, beginnen die Knochen zu scheppern“, schildert Feingold.

Die Rolle der Häftlinge

Feingold hatte Glück, wie er es nennt, denn er und sein Bruder dürfen Auschwitz wieder verlassen. Sie werden in das Konzentrationslager Neuengamme gebracht, weil dort Häftlinge benötigt werden. „Die Konzentrationslager waren alle durch Häftlinge organisiert. Sie erledigten alle Arbeiten für die SS“, erklärt Feingold. Von Neuengamme wird er nach Dachau zur Vergasung überstellt. Aber auch diesem Schicksal kann er entrinnen. Durch einen Zufall kommt er schließlich 1941 in das Konzentrationslager Buchenwald. „Buchenwald lag auf einer kleinen Anhöhe. Ich war im Waggon mit vielen Gehbehinderten. Der Befehl lautete damals wer zusammenbricht, wird erschossen. Über die Hälfte meiner Mitreisenden schaffte den beschwerlichen Weg nicht“, schildert Feingold.

„Dann haben sich alle aus dem Staub gemacht“

Marko Feingold schaffte es. Sein Bruder, der in Neuengamme inhaftiert blieb, starb 1942. Insgesamt 25 Zufälle haben ihm das Leben gerettet, sagt Feingold. So entkam er medizinischen Experimenten, weil der Arzt befand, seine Wunde sei zu klein für Versuche, oder einer Vergasung in Auschwitz, weil er als Maurer eine unentbehrliche Arbeitskraft war.

Feingold erinnert sich noch ganz genau an den 11. April 1945 als das Konzentrationslager Buchenwald befreit oder besser gesagt verlassen wurde. „Es war um 10.30 Uhr als die SS eine Durchsage machte und das Lager verließ. Alle haben sich einfach aus dem Staub gemacht“, blickt Feingold zurück.

Feingold als Fluchthelfer für Juden

Damit ist die Geschichte von Marko Feingold aber noch nicht zu Ende erzählt. Zwischen 1945 und 1948 half er jüdischen Überlebenden bei der Flucht. Heute würde man Feingold als Schlepper bezeichnen. In den trockenen Nächten des Sommer 1947 führte er nach eigenen Angaben rund 5.000 Menschen über die Krimmler Tauern nach Südtirol. „Von Italien aus hofften die Menschen weiter nach Palästina zu kommen“, erzählt er.

Der 104-Jährige spricht offen über sein Schicksal und nimmt sich kein Blatt vor dem Mund. „Ich habe keine Angst das alles zu erzählen. Einem über Hundertjährigen wird man wohl kaum noch etwas tun“, schmunzelt Feingold. Auf die Frage, wie es ihm gehe, wenn er die politische Entwicklung heute mitverfolgt, antwortet er kurz und bündig: „Ich bin ein Gegner jeglicher Art von Diktatur.“

Auftakt für  Veranstaltungsreihe

Der jüdische Holocaust Überlebende Marko Feingold war am Mittwochabend der erste Gast der neue Veranstaltungsreihe „Menschen, die bewegen“, die vom Literaturverein Lesewelt und der Musikkultur St. Johann ins Leben gerufen wurden. Die Alte Gerberei war bis auf den letzten Platz besetzt. Johanna Monitzer

Bild: Eindrucksvoll und bewegend: Marko Feingold sprach über sein Schicksal in der Nazi-Zeit. Der 104-Jährige überlebte die Konzentrationslager Auschwitz, Neuengamme, Dachau und Buchenwald. Foto: Werner Krepper

 
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