27.09.2019
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Die „alte“ Tradition hat ausgedient

Die Initiative „Netzwerk Handwerk“ lud zu ihrem dritten Handwerksforum nach Rattenberg. Sehr viele Vertreter der Zunft kamen, um den hochkarätigen Referenten zu lauschen und auch, um kritische Fragen zu stellen.

Hopfgarten, Rattenberg | Wir stellen uns einen Handwerker vor: Vom Staub der Tradition umgeben, gemütlich in der Werkstatt vor sich hin arbeitend – selbstvergessen. Es ist zwar ein nettes Bild, aber kein sehr zutreffendes. Denn Handwerk hat sich gewandelt, verkauft sich aber nicht selten unter Wert. Um in die Zukunft zu schauen, müssen wir auch die Bilder im Kopf ändern – das sagt Tischlermeister Markus Faißt, der Gründungsmitglied des bekannten „Werkraums Bregenzerwald“ ist. Das heißt aber nicht, dass die Wurzel, von der das Handwerk herkommt, nutzlos ist, im Gegenteil. Sie bildet die Basis, mit der in die Zukunft gegangen wird. „Schön ist, dass es so viele Kolorite und Geschmäcker gibt“, verweist der Referent auf die zahlreichen, spezifischen Traditionen in jeder Region des Alpenraumes. Damit lassen sich „authentische Mach- und Sachgeschichten erzählen“, so Faißt.
Die Branche hat es selbst in der Hand, die Agenda zu setzen: „Netzwerke schaffen – im Chor singen. Wir schaffen Zentren und das hat dann ein Immunsystem, das Krisen aushält.“  Es geht konkret darum, „das Know-how der Väter in zeitgemäße Form zu bringen. Aber nicht ‚modisch‘ soll es sein. Ich hasse das“, erläutert der Meister seines Faches. Es geht vielmehr darum, die „alte“ Tradition durch eine „neue“, aus der alten gewachsenen, zu ersetzen. Dabei ist es durchaus wünschenswert, sich Rat geben zu lassen, wo nötig. Denn, um es mit Macchiavelli zu sagen: „Wer nicht weise ist, kann nicht weise beraten werden.“

Auch Lehrlingsfrage neu denken
Da im Publikum genauso die Meister ihres Fachs vertreten waren, wie auf dem Podium, verwundert es nicht, dass die Diskussion angeregt verlief. So kam unweigerlich auch die große Frage auf, die derzeit alle Betriebe in der Region beschäftigt – die nach dem Facharbeiter- und Lehrlingsmangel. „Ich bin sowieso für Matura für alle – am besten gleich im Mutter-Kind-Pass. Dann ist das Denken endlich wieder offen“, schmunzelte Faißt. Er plädiert abseits von der formellen, auf dem Papier stehenden Ausbildung dafür, Kindern und Jugendlichen Erfahrungszugänge zum Handwerk anzubieten. „Kopf, Hirn, Herz und Hand in Resonanz bringen.“ Dadurch werde Begeisterung geweckt und man müsse nicht zwanghaft schauen, dass man den Jugendlichen noch „erwischt“ bevor er sich endgültig in Richtung höhere Schule aufmacht. Einen weiteren Denkansatz in diese Richtung bringt Faißt von den Nachbarn in Deutschland mit. Dort ist Lehre und Matura bzw. Abitur kein Widerspruch – im Gegenteil. Nach dem Abi noch eine Praxisausbildung zu absolvieren, ist weit verbreitet. So hat Markus Faißt selbst sehr viele, junge Menschen im Betrieb, die bildungstechnisch eine steile Karriere hinter sich haben.
Auch wer in seiner Tätigkeit ein gutes Renommee vorweisen kann und quasi eine „Marke“ in Sachen zeitgemäßem, modernem Handwerk darstellt, ist auch bei der Jugend ein begehrter Arbeitgeber. Und noch ein Schlaglicht warf Faißt in die Runde. Er verwies darauf, dass es im Rahmen des europäischen Schüler- und Studentenaustauchprogrammes „Erasmus“ auch möglich ist, Lehrlinge zu bekommen. Aktuell beschäftigt der Tischlermeister seinen zweiten „Erasmus-Studenten“ in seinem Betrieb.

Handwerk und Hochschule
Dass Handwerk ein Nährboden für Innovation ist, ist auch der rennommierten Technischen Hochschule ETH in Zürich bewusst. Udo Thönissen nahm das Publikum auf eine Reise in eine neue Prozessfindung – unkonventioneller Ansatz bringt unkonventionelle Lösung. Unkonventionell sind auch die Brillen von Roland und Christian Wolf.  Die Rolf-Brillen kommen ohne Schrauben und Metall aus – das Gestell ist aus Holz mit einer Menge Know-how versehen.
Fazit: Ein gelungener Gedankenaustausch, der über die Branche hinausreichen wird. Elisabeth Galehr

Markus Faißt, Udo Thönissen, Christian Wolf, Netzwerk-Obmann Rainer Höck und Andrea Achrainer. Foto: Galehr

 
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