29.05.2018
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„Die Schicksale sind dramatisch“

Der langjährige Lehrer und Kulturpublizist Karl Prieler begab sich auf Spurensuche in der NS-Zeit. Das im März erschienene Gedenkbuch erinnert an die Opfer des Widerstandes. Mit dem Kitzbüheler Anzeiger hat er über die Erinnerungskultur in Kitzbühel gesprochen.

Kitzbühel ist eine Stadt, in der man sich gerne erinnert – an die Skipioniere, an das Wunderteam, an Alfons Walde uvm. Wesentlich leiser erinnert man sich aber an die NS-Zeit – hat Kitzbühel hier noch einiges aufzuarbeiten?
Ich habe das 2013, aus Anlass des 75-jährigen Gedenkens an den Anschluss, in einem Beitrag für die Stadtzeitung so formuliert. Damals gab es eine Art Vakuum. Seitdem ist aber einiges passiert. Wir haben 2015 die Gedenktafel errichtet, dann die Gedenkmappe sowie nun das Gedenkbuch erstellt.

In Kitzbühel ist, wie an anderen Orten Tirols, noch einiges aufzuarbeiten. Zum Beispiel die NS-Euthanasie, die auch im Gedenkbuch kurz aufgegriffen wird. Hier existieren noch keine auf Kitzbühel bezogenen Forschungen, obwohl die Ermordung von Behinderten, psychisch und unheilbar Kranken die höchste Opferzahl in Tirol aufweist (abgesehen von den Kriegsgefallenen). Wir sprechen hier von 500 bis 600 Menschen im Rahmen der gelenkten Eu-
thanasie und dann gab es später noch die sogenannte „wilde Euthanasie“, wo die Opferzahl nochmal höher war.

Was hat Sie dazu bewegt, eine Gedenkmappe und nun ein Gedenkbuch für die Widerstands-
opfer der NS-Zeit zu erarbeiten?
Das waren im Wesentlichen die überraschenden Reaktionen auf meinen Beitrag „Kitzbühel und die Erinnerung“ in der Stadtzeitung. Das Echo war enorm. Auszüge daraus wurden in diversen Beiträgen zur Kitzbüheler Geschichte eingearbeitet, Leute haben mich angerufen oder mir geschrieben,  Bürgermeister Klaus Winkler hat sich in einer Gedenkrede darauf bezogen. Besonders erwähnen möchte ich Heinz Grauss und Monika Skowronski, die mit ihren Wortmeldungen die Errichtung der Gedenktafel gefördert haben.  

Welches Schicksal hat Sie persönlich am meisten berührt?
Da habe ich Schwierigkeiten eines hervorzuheben, weil alle fünf Schicksale dramatisch sind. Die Männer verübten keine Anschläge oder Ähnliches, es war eine vorwiegend geistige Opposition, sie vernetzten sich und unterstützten gleichgesinnte Leidtragende. Trotzdem haben sie den Tod gefunden.

Am meisten beschäftigt habe ich mich mit Ignaz Zloczower, weil die Quellenlage sehr dünn war. Ich bin auf ihn das erste Mal in dem autobiographischen Text „Der Friseur“ von Herbert Rosendorfer gestoßen. Nach Recherchen und Zeitzeugengesprächen sind die Indizien jetzt so dicht, dass er als Widerstandsopfer anzuerkennen ist. Es wäre wünschenswert, dass Zloczower wie die anderen vier auch auf dem Freiheitsdenkmal in Innsbruck angeführt wird.

Bisher sind Dokumente über fünf Widerstandsopfer vorhanden. Könnte es auch noch andere Kitzbüheler mit ähnlichen Schicksalen geben?
Natürlich gab es in Kitzbühel auch einige weitere Personen, die Widerstand geleistet haben. Es existierte auch eine katholisch-konservative Opposition. Im Gedenkbuch werden aber nur jene berücksichtigt, die ihr Leben verloren haben. Die Thematik wurde in den letzten Jahren von der Tiroler Historikerin Gisela Hormayr detailliert neu aufgearbeitet. Im Anhang des Gedenkbuches habe ich einen Abriss über die bisherige Forschung gegeben. Dennoch ist nicht auszuschließen, dass es weitere Opfer gibt. Daher habe ich auch eine offene Form der Gedenkmappe gewählt, die laufend ergänzt wird. Wer einen Beitrag dazu leisten kann, soll sich bitte mit mir in Verbindung setzen (karl.prieler@schule.at).

Sie schreiben 2014 in einem Beitrag für die Stadtzeitung, dass Ihnen öfters die Frage gestellt wird, warum es denn nötig sei, sich mit den damaligen Ereignissen wieder auseinanderzusetzen?
Darauf gibt es eine einfache Antwort: Damit die Vergangenheit nicht die Zukunft bedroht. Die Wiederholung ähnlicher verhängnisvoller Strukturen soll erkannt und abgewendet werden – das ist ein wesentlicher Sinn von Erinnerungskultur.
Johanna Monitzer. Foto: Privat

Buchtipp: Kitzbüheler Widerstand
Als dritter Schritt zur Erinnerung an die Opfer des Widerstandes gegen den Nationalsozialismus ist nach der Gedenktafel (2015) und der Gedenkmappe (2016), nun das Gedenkbuch in Kitzbühel erschienen. Der langjährige Lehrer und Kulturpublizist Karl Prieler recherchierte dafür in Archiven und historischer Literatur. Herausgegeben von der Stadtgemeinde Kitzbühel, sind die Gedenkbücher nicht zum Verkauf bestimmt. Neben Dokumentationsstellen werden vor allem die örtlichen Büchereien und Schulbibliotheken damit ausgestattet.

Ein Dankeschön für die Errichtung der Gedenktafel und die Veröffentlichung der Dokumentensammlung spricht Karl Prieler an Bürgermeister Klaus Winkler, Hanspeter Jöchl, Felix Obermoser sowie an den Kulturausschuss und die Kulturabteilung der Stadt Kitzbühel aus. Gisela Hormayr hat Originaldokumente aus ihrem Privatarchiv beigesteuert: „Die Opfer sind Teil unserer kollektiven Identität, das Buch ist ein Beitrag der Stadtgemeinde zum Gedenkjahr.“


 
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