10.03.2019
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„Die Kirche sollte offener werden“

Nach einer Reise spürte Stadtpfarrer Michael Struzynski die Berufung in sich. Seit 25 Jahren wirkt er nun in Kitzbühel und brachte nicht nur durch seine Witze, die er am Ende des Gottesdienstes erzählt, frischen Wind in die Gamsstadt. Weibliche Priesterinnen würde er begrüßen.

In welchen Momenten auch der Stadtpfarrer manchmal an Gott zweifelt, was sich in der katholischen Kirche ändern sollte und wie er Menschen begegnet, die sich von der Kirche abgewandt haben, erzählt Michael Struzynski im Interview.

War es für Sie schon immer klar, dass Sie Priester werden möchten?

Nein, nicht immer. Es ist eine längere Geschichte: Meine Berufung hatte ihren Anfang in der Kindheit genommen. Ich war als Kind oft krank. Meine Mutter war eine sehr gläubige Frau, im Gegensatz zu meinem Vater, der Atheist war. Sie hat immer viel darum gebetet, dass ich gesund werde. Jeden Sonntag sind wir mit ihr in die Kirche gegangen.

Mit sechs Jahren hatte ich einen schweren Unfall. Auf dem Weg zum Arzt habe ich immer wieder gesagt: Gott, bitte hilf mir und ich verspreche dir, wenn du mich wieder gesund machst, werde ich etwas besonderes für dich tun. Damals habe ich aber noch nicht an den Priesterberuf gedacht.

Der Unfall war so schwer, dass man nicht wusste, ob ich überhaupt mein Augenlicht behalten kann – aber mit Gottes Hilfe wurde ich wieder ganz gesund. Ich wurde dann Ministrant. Ich bin jeden Tag drei Kilometer hin und zurück zur Heiligen Messe zu Fuß gegangen.

Mit 15 Jahren war es für mich klar: ich werde Priester. Aber ich habe mich mit 17 Jahren verliebt und der Wunsch, Priester zu werden war, daraufhin verschwunden. Ich wollte Architektur und Maschinenbau studieren.

Dann kam aber wieder alles anders: Kurz vor Studiumsbeginn wurde ich nach Rom eingeladen. Dort wurde mir wieder ganz klar, dass ich Priester werden möchte. Ich habe dann in Salzburg Theologie studiert.

Ist für Sie Gott immer allgegenwärtig oder hat man als Pfarrer auch manchmal Angst und Zweifel?

Gott ist für mich überall und allgegenwärtig, er begleitet unser Leben – auch wenn wir das manchmal nicht spüren. Es gibt aber schon Situationen, wo auch ich zweifle. Wenn ich zum Beispiel bei einem Krebskranken am Sterbebett stehe und das Leid sehe oder wenn ich die Beerdigung einer Mutter halten muss und die weinenden kleinen Kinder sehe.

Und was tun Sie gegen die Zweifel?

Mein Anker ist das Gebet. Ich bete, dass Gott mir die Kraft gibt stark zu sein und zu helfen. Es gibt keine Antwort auf die Dinge die auf der Erde passieren. Wahrscheinlich werden wir irgendwann den Sinn erfahren, warum manche Dinge geschehen.

Ich schimpfe auch mit dem lieben Gott: Warum tust du das? Warum lässt du das zu? Ich versuche im Gebet ein Gespräch mit Gott zu führen und sage, was ich fühle.  

Wie kam es dazu, dass Sie vor 25 Jahren die Pfarre in Kitzbühel übernommen haben?

Bevor ich nach Kitzbühel kam, war ich fünf Jahre Pfarrer in Landl und betreute auch die Gemeinden Vorder- und Hinterthiersee. 1993 bekam ich Besuch vom Bischof. Erzbischof Eder sagte mir, dass er mit meiner priesterlichen Arbeit sehr zufrieden sei. Er meinte aber auch, dass ich eine größere Herausforderung brauche. 1994 kam dann die Bitte des Erzbischofs, dass ich die Stadtpfarre in Kitzbühel übernehmen soll.

Ganz ehrlich: Ich habe zunächst mit allen möglichen Ausreden versucht, es zu verhindern, weil ich glaubte nicht der Richtige zu sein. Ich bin kein geborener Österreicher. Doch nach vielen Gesprächen mit dem Erzbischof und dem Generalvikar habe ich Ja zu Kitzbühel gesagt. Der Generalvikar Paarhammer sagte damals zu mir, wir brauchen für Kitzbühel einen starken Mann, denn die Pfarre Kitzbühel ist nicht leicht zu leiten und es ist gut, wenn einer mehrere Sprachen spricht und offen auf die Menschen zugehen kann.

Haben Sie den Entschluss dann jemals bereut?

Nein. Ich habe es nie bereut, trotz schwerer Momente. Es gibt keine Gemeinde, wo nur Sonnenschein herrscht. Ich bin sehr gerne hier in Kitzbühel.

Wie hat sich die Pfarrgemeinde in den letzten 25 Jahren entwickelt?

Ich denke, die Pfarrgemeinde hat sich sehr gut entwickelt. Es entstanden viele kirchliche Gruppen und gemeinsam mit ehrenamtlichen und hauptamtlichen Mitarbeitern konnten wir sehr viel bewegen. Unsere Kitzbüheler Pfarrgemeinde ist eine lebendige Gemeinde. Wir konnten unsere Kirchen, das Mesnerhaus und das Pfarrhaus renovieren. Ich bin sehr dankbar, dass ich so gute, zuverlässige und treue Mitarbeiter habe. Was ich auch unterstreichen möchte, ist die tolle und wertschätzende Zusammenarbeit mit den Vereinen und Ämtern. Sie wissen, ich bin für Sie da – und so ist es auch umgekehrt.

Wie gehen Sie mit den sinkenden Zahlen der Kirchenbesucher um?

Man spricht überall von sinkenden Zahlen der Kirchenbesucher. In Kitzbühel schaut es etwas anders aus. Ich bin mit den Kirchenbesuchen noch zufrieden. Ich denke sehr gerne an die Festgottesdienste zu Weihnachten oder auch Ostern, wo unsere Kirchen fast zu klein sind. Letztes Jahr waren bei den Weihnachtsmessen über tausend Gläubige.

Es gibt immer wieder Stimmen, die eine modernere Kirche fordern. Müsste sich in der katholischen Kirche etwas ändern?

Ja, die Kirche sollte moderner, das heißt offener, werden, aber in keinem Fall modisch. Meiner Meinung nach könnte man einiges in der Kirche verändern. Die Geistlichen sollten noch mehr auf die Menschen zugehen. Ich würde das Zölibat frei stellen und hätte auch nichts dagegen, wenn Frauen zu Priesterinnen geweiht würden. Die kirchlichen Strukturen könnten auch aufgebrochen werden – weniger Hierarchie und mehr Geschwisterlichkeit.

Was sagen Sie Menschen, die sich von der Kirche abgewandt haben?

Ich versuche sie natürlich wieder für die Kirche und den Glauben zu gewinnen. Ich sage immer wieder, das Schlechte in der Kirche passiert, weil wir alle nur Menschen sind und Fehler haben. Wir sollten gemeinsam in der Kirche bleiben und gemeinsam versuchen etwas zu ändern.

Ein Austritt aus der Kirche ist für mich keine Lösung. Wir alle brauchen die Kirche. Sie verkündet uns die schönste Botschaft – die Botschaft von der Liebe Gottes.

Wie schaut der Arbeitsalltag eines Pfarrers aus? Sind Sie rund um die Uhr für ihre Schäfchen im Dienst oder hat man auch mal frei?

Im Prinzip bin ich 24 Stunden im Dienst. Mein Arbeitstag beginnt um 6 Uhr früh mit einem Gebet und endet gegen Mitternacht mit einem Gebet. Fast jeden Tag gibt es Heilige Messen. Ich führe verschiedene Gespräche, mache Tauf- und Hochzeitsvorbereitungen, Krankenbesuche, Haussegnungen, bereite mich auf die Gottesdienste vor und es gibt auch einiges an Büroarbeit zu tun.

Es gibt Zeiten, wo ich kaum Freizeit habe. Offiziell ist der Montag mein freier Tag – den kann ich aber selten einhalten. Selbstverständlich habe ich aber auch einmal Urlaub.

Wo trifft man den Herrn Pfarrer in der Freizeit?

Ich gehe gerne in die Oper, da ich die Opernmusik so liebe. Im Winter gehe ich auch gerne Skifahren. Ich treffe mich gerne mit Freunden. Zwischendurch liege ich auch gerne auf der Couch und höre klassische Musik. In meinen Sommerurlauben bevorzuge ich das Meer, besuche Galerien und Museen.

Sie vertreiben als Hobby unter ihrem Namen u.a. Wein, Schokolade und Gin, deren Reinerlös der Kirche zugute kommt – daraus könnte man schließen, dass Sie ein Genussmensch sind?

Ja, es gibt ein paar Produkte von mir mit dem Namen „Don Michele“. Neben der vielen Arbeit bin ich schon ein Genießer. Ich genieße schöne Stunden mit netten Menschen, gutes Essen – und im Stress brauch ich schon einmal Schokolade.

Der Reinerlös meiner Produkte fließt in die Renovierungen oder zur Unterstützung an unsere Ministranten.

Am Ende einer Messe wird in Kitzbühel oft gelacht, weil Sie einen Witz erzählen. Wie sind Sie darauf gekommen? Und ist es wichtig, dass man auch als Pfarrer nicht alles immer so ernst nimmt?

Ich erzähle sehr gerne Witze. Ich kann mir Witze sehr gut merken und auch spontan einen Witz kreieren.

Die Idee mit den Witzen rührt von einer alten katholischen Tradition her. Im Mittelalter gab es zu Ostern immer einen Osterwitz am Ende des Gottesdienstes. Ich möchte, dass die Gottesdienstgemeinde die Kirche mit  einem Lächeln verlässt.

Das Lachen, die Freude am Glauben ist für mich sehr wichtig. Es gibt im Leben genug Situationen, wo wir ernst sein müssen.

Verraten Sie uns zum Abschluss noch Ihren Lieblingswitz?

Oh da gibt es viele! Einer der ersten Witze, den ich anlässlich einer Ostermesse erzählt habe,  lautet so: Warum ist Jesus nach seiner Auferstehung als erstes den Frauen erschienen? Er wollte sicher sein, dass diese Botschaft schnell unter das Volk kommt.
Johanna Monitzer

Bild: Stadtpfarrer Michael Struzynski besuchte letztes Jahr mit 40 Ministranten Papst Franziskus. „Wir alle brauchen die Kirche. Sie verkündet uns die schönste Botschaft – die Botschaft von der Liebe Gottes“, sagt der Kitzbüheler Stadtpfarrer. Foto: Privat

Zur Person
Pfarrer Michael Struzynski
Kitzbühel | Der Stadtpfarrer Michael Struzynski wurde am 8. August 1960 in Polen geboren. Er wuchs in Seidenberg (Niederschlesien) auf.
Als erster Pole nahm er an der Universität in Salzburg das Studium der Philosophie- und Theologie auf, welches er 1986 abschloss. Im Februar 1986 wurde Michael Struzynski die Österreichische Staatsbürgerschaft verliehen. Im selben Jahr wurde er auch zum Priester geweiht. Am 1. September 1994 übernahm Michael Struzynski die Stadtpfarre Kitzbühel.

 
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