14.05.2019
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Der Kunst ihre Freiheit

Frühling bedeutet immer Neuanfang, Werden und Wachsen. Obwohl der astronomische Frühling bereits am 20. März begonnen hat, macht er sich in der Natur in unseren Breiten phänologisch erst jetzt so richtig bemerkbar. Auch in der Kunst gab es vor 122 Jahren eine Zeit, in der die Künstler nach kargen kreativen Jahren nach einer hoffnungsvolleren Zeit und nach einem Neubeginn strebten: Ver Sacrum oder auch bekannt als der „Heilige Frühling“.

Wien | Ihr offizielles Gründungsdatum ist mit dem 3. April 1897 dokumentiert, als eine Gruppe rund um Gustav Klimt, darunter Kolo Moser, Josef Hoffman, Joseph Maria Olbrich, Max Kurzweil, Josef Engelhart, Ernst Stöhr u.v.m. die Vereinigung der bildenden Künstler in Wien – die Wiener Secession (seccionare bedeutet abspalten) gründete. Die Künstlergruppe trat in Folge von Indifferenzen mit den im Historismus verhafteten Konservativen aus dem Wiener Künstlerhaus.

„Allem Ungeschmack den Krieg zu erklären“

Ihr Ziel war es, „allem Ungeschmack den Krieg zu erklären“ wie es in ihrem Gründungsmanifest hieß. Auch unterschieden sie nicht zwischen einer „hoher Kunst“ und dem Kunstgewerbe, zwischen Kunst für die Reichen und Kunst für die Armen. Für sie war Kunst Allgemeingut und mit vereinten Kräften wollten sie ihr neues Kunstempfinden in der Bevölkerung verankern. Um ihre Haltungen und Ideen zu verbreiten, gründeten sie auch die gleichnamige Kunstzeitschrift „Ver Sacrum“. Die Vereinigung verfolgte sogleich auch den Bau eines eigenen Ausstellungshauses. Sie sollte die Kunst eines neuen Zeitalters beherbergen und der Öffentlichkeit den Weg zur modernen Kunst öffnen.

1898 wurde nach den Entwürfen von Joseph Maria Olbrich das Haus erbaut. Das Grundstück an der Wienzeile wurde von der Stadt Wien zur Verfügung gestellt – ein Kompromiss wie sich zeigte, um das moderne Gebäude von der Ringstraße fernzuhalten. Die für den Bau nötigen Geldmittel wurden von Mäzenen, vor allem vom Industriellen Karl Wittgenstein zur Verfügung gestellt und zum Teil aus dem Erlös der ersten Ausstellung in der k.k. Gartenbaugesellschaft (1898) gewonnen. Olbrich hat das Gebäude in einer zehnmonatigen Planung entwickelt und dabei immer wieder den veränderten Bedingungen angepasst, überarbeitet und verfeinert.

Architektonisch besticht das Gebäude durch eine einfache Geometrie. Sowohl für den Eingangs- als auch für den Ausstellungstrakt wählte Olbrich das Quadrat zu mehreren kreuzförmigen Anordnungen. Die geschlossenen Wände verleihen dem Bau den Eindruck, als setze er sich durch zahlreiche geschlossene Kuben zusammen. Licht dringt fast nur durch das zeltartige Glasdach ins Gebäude.

Grundstein am 28. April 1898 gelegt

Am 28. April 1898 wurde der Grundstein im Rahmen einer kleinen Feier gelegt. Nur sechs Monate danach, am 29. Oktober 1898, war der Bau fertig gestellt. Am Eingang zum Gebäude (links) befindet sich der Wahlspruch, der die Hoffnung auf eine neue Kunstblüte ausdrücken soll, sowie drei Gorgonenhäupter, die die architektonischen, bildhauerischen und malerischen Künste repräsentieren. Gorgonen und Eulen sind das Symbol der Pallas Athene, der Göttin der Weisheit, des Sieges und der handwerklichen Künste.

Große Verdienste erwarb die Gruppe rund um ihre internationale Ausstellungspolitik. Sie lud z. B. die französischen Impressionisten nach Wien ein, um ihre Werke dem Wiener Publikum zu präsentieren.

Internationale Berühmtheit erlangte die Vereinigung mit der 14. Ausstellung. Sie gilt als Beispiel einer alles durchdringenden Kunst. Rund um Max Klingers Beethoven-Skulptur wurde eine Ausstellung entworfen, die sich einem einzigen Gestaltungsprinzip hingab.

Die Geschichte der Secession war durch ein ständiges Auf und Ab gekennzeichnet. In ihrer über 120-jährigen Geschichte wurde sie mehrfach renoviert und umgebaut. Schon 1901 wurde die Eingangshalle umgestaltet. 1908 wurden Teile des Dekors und der Spruch „Der Zeit ihre Kunst. Der Kunst ihre Freiheit“ (von Hermann Bahr) entfernt. Im Zweiten Weltkrieg war sie ein Getreidelager, dann ein Depot für Reifen. Gegen Ende des Zweiten Weltkriegs wurde sie durch einen Bombenangriff stark beschädigt und beim Abzug der Deutschen Wehrmacht in Brand gesteckt. Erst in den 1960er Jahren konnte die Secession wiederaufgebaut werden und 1984/85 folgte eine neuerliche Generalrenovierung.

Die letzte Renovierung fand 2017/18 statt. Auch dieses Mal, wie bei ihrer Erbauung wurde diese zum Großteil von finanzkräftigen Mäzenen und Privatpersonen getragen. Zudem haben sich viele Menschen bei der Restaurierungsaktion „Vergolden Sie die Kuppel: 100 Euro pro Blatt“ beteiligt.

Der Gedanke – „Der Zeit ihre Kunst, der Kunst ihre Freiheit“ lebt auch viele Jahre danach noch weiter.

Bild: Das goldene „Krauthäupl“ – die Lorbeerblatt-Kuppel besteht aus 2500 teilvergoldeten Blättern und 311 Beeren. Foto: Dorner-Bauer

KunstBlicke
Mag. Martina Dorner-Bauer ist Kunsthistorikerin, Ausstellungskuratorin, Autorin, Betreuerin div. Kunstsammlungen und Gründerin der Agentur DieKunstagenten.
martina@diekunstagenten.at    

 
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