14.09.2020
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Betriebe oder Wohnhäuser? Diskurs in Kitzbühel

Die „Petition Gundhabing – Kitzbüheler Ortseinfahrt schützen, Wohngebiet statt Gewerbegebiet“ wurde am Sonntagabend dem Kitzbüheler Gemeinderat übermittelt. Betriebe, Wohnhäuser oder grüne Wiese? In Kitzbühel wird diskutiert.

Kitzbühel | Es ist ein Aufeinandertreffen von Interessen, Begehrlichkeiten und Meinungen, mit welchen sich die Kitzbüheler Stadtführung erneut auseinandersetzen muss. Der Ankauf von 27.170 Quadratmetern Grundfläche in Gundhabing (Kaufpreis 4,150 Mio. Euro) durch die Stadtgemeinde rief die Bürgerbewegung „Engagierte Kitzbüheler“ auf den Plan. Denn: Neben 2.000 Quadratmetern, die für sozialen Wohnbau vorgesehen werden, sollen sich auf 12.000 Quadratmetern Betriebe ansiedeln.

„Letzte Ortseinfahrt nicht zubetonieren“
Der Bürgerbewegung, bei der die Familie Salinger als Sprecher fungiert, geht es um einen sensiblen Umgang mit Grund und Boden sowie den Erhalt von Freiflächen. „Gundhabing ist seit eh und je ein bäuerlicher Weiler und Wohngebiet mit nur vereinzelt kleinen eingesprengten Betrieben. Wie kommt man nur auf die Idee, diesen Weiler mit seinen intakten landwirtschaftlich genutzten Wiesen durch ein Gewerbegebiet verbauen zu wollen und damit die letzte unverbaut verbliebene Ortseinfahrt zuzubetonieren?“, fragen sich Familie Salinger und ihre Mitstreiter.

„Wir müssen hier sensibel vorgehen“
Die Bürgerbewegung übermittelte die  „Petition Gundhabing – Kitzbüheler Ortseinfahrt schützen, Wohngebiet statt Gewerbegebiet“ mit 253 Unterschriften am Sonntagabend den Gemeinderäten per Mail. „Wir werden uns mit den Bedenken der Bürger auseinandersetzen. Jedoch ist es für eine wirkliche Diskussion noch zu früh, denn es gibt noch nicht einmal ein Konzept für das Gewerbegebiet. Es ist uns bewusst, dass wir hier sensibel vorgehen müssen – es braucht eine stilvolle Bebauung, keine Lagerhallen-Wüste“, nimmt Bürgermeister Klaus Winkler (VP) Stellung.

Gibt es Alternativen?
Schon 2005 wollte das Lagerhaus auf besagter Grundfläche bauen (siehe „Ein Blick zurück“), auch damals protestierten Bürger.
Damals und heute sei aber eine komplett andere Situation, sagt Bürgermeister Klaus Winkler: „Das Lagerhaus braucht viel Platz, das kann man mit unseren Vorstellungen für das Gewerbegebiet nicht vergleichen.“
Der Bedarf an leistbaren Gewerbegründen in Kitzbühel  sei sehr hoch. „Die Fläche in Gundhabing ist im Moment die einzige Möglichkeit, wo wir Betriebsentwicklungen ermöglichen und damit auch Arbeitsplätze sichern können“, schildert Winkler.
Zudem sei das Grundstück von der Raumordnung des Landes Tirol für ein Gewerbegebiet als geeignet eingestuft worden. „Ich sehe da auch nicht viel unterschied, ob man ein vierstöckiges Wohnhaus oder ein Bürogebäude hinbaut“, argumentiert der Bürgermeister.

Wohnhäuser Ja, Gewerbe Nein
Weitere Wohnhäuser in Gundhabing wären für die Bürgerbewegung vertretbar: „In Kitzbühel werden nach wie vor  dringend leistbare Wohnflächen gesucht. Mit seiner Nähe zur Fleckalmbahn, dem Schwarzsee, der Seidelalm, dem Golfplatz im Sommer und der Loipe im Winter ist Gundhabing ein hochwertiger Wohnort und soll auch als solcher genutzt werden.“
Die Petition will sich nicht gegen die Wirtschaftstreibenden richten, so Familie Salinger. „Es darf aber durchaus zur Diskussion gestellt werden, ob es nicht bessere Plätze für Gewerbe gibt. Wir  wollen das nicht stillschweigend hinnehmen.“ Die Bürgerbewegung vermisst Weitblick: „Schade finden wir, dass es in Kitzbühel offensichtlich keine Strategie für ein Nebeneinander zwischen Gewerbeflächen einerseits und Wohnbau andererseits gibt. Dadurch kommt es naturgemäß immer wieder zu Widerstand aus der Bevölkerung.“

Wirtschaft befürwortet das Vorhaben
Die Kitzbüheler Handwerkervereinigung „Meistergilde Kitzbühel“ sowie zahlreiche Wirtschafts-
treibende begrüßen das geplante Gewerbegebiet in Gundhabing. „Durch den leistbaren Gewerbegrund erhalten die Betriebe in der Region eine starke Perspektive, hier zu bleiben und in neue Arbeitsplätze zu investieren. Eine strategisch weitsichtige Entscheidung der Stadt, um das Abwandern in andere Gemeinden zu verhindern. Eine tolle Chance für Jungunternehmer“, so Viktor Huber, Obmann der Meistergilde Kitzbühel. Auch die „Junge Wirtschaft“ unterstützt das Vorhaben der Stadtgemeinde.

Noch keine Widmung, Aktion läuft weiter
Noch wurden die notwendige Abänderung des Raumordnungskonzeptes für die 12.000 Quadratmeter große Grundfläche sowie die Umwidmung nicht im Gemeinderat beschlossen.
Ob und wie umfangreich das Einlangen der Petition gegen das Gewerbegebiet am kommenden Montag in der Gemeinderatssitzung behandelt wird, ist offen. Die Unterschriftenaktion der Bürgerbewegung gegen das Gewerbegebiet läuft indes weiter. Johanna Monitzer

Foto: In Gundhabing soll sich auf 12.000 Quadratmetern Betriebe ansiedeln. In Kitzbühel ist eine Diskussion über den Standort entfacht. Die Meinungen gehen auseinander. Foto: Pöll

Ein Blick zurück - 2005 Protest gegen Gewerbe
Schon im Jahr 2005 riefen die Bebauungspläne in Gundhabing eine Bürgerbewegung auf den Plan. Damals sollte das Lagerhaus auf der Fläche, die nun wieder für Diskussionen sorgt, gebaut werden. Wie im Archiv des Kitzbüheler Anzeigers dokumentiert ist, wurden rund 1.000 Unterschriften gegen das Vorhaben gesammelt und an Bürgermeister Klaus Winkler übergeben.
Nicht nur Anrainer sprachen sich gegen das Vorhaben aus, sondern auch Kitzbüheler Prominenz, allen voran der 2009 verstorbene Toni Sailer.
Das Land Tirol sah damals eine Ansiedelung des Lagerhauses skeptisch: „In diesem Bereich ist aus raumordnerischer Sicht kein Lagerhaus vertretbar“, wurde der damalige Leiter der Tiroler Raumordnung Karl Spörr in der Ausgabe vom 10. November 2005 zitiert.
Das Ergebnis: Das Lagerhaus wurde wenige hunderte Meter weiter, auf einem anderen Grundstück errichtet. jomo

Quelle: Kitzbüheler Anzeiger vom 20. Oktober und 10. November 2005 (Archiv online unter www.kitzanzeiger.at abrufbar)

Foto: 2005 wurde in Kitzbühel gegen ein Gewerbegebiet demonstriert. Nun gibt es neue Pläne für das Feld in Gundhabing. Foto: Archiv

 
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