13.04.2020
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Auch jetzt gilt: „Nicht wegschauen!“

Der Arbeitsalltag im Mädchen- und Frauenberatungszentrum hat sich geändert – die Probleme sind die gleichen geblieben. Die Gewalt gegen Frauen nimmt zu. Über die Auswirkungen der Corona-Pandemie und was man tun kann, wenn man Gewalt bemerkt, spricht Beraterin Irene Schelkle im Interview.

Frau Schelkle, wie schaut der Arbeitsalltag im Frauenberatungszentrum aufgrund der Corona-Maßnahmen aus?
Wir sind nach wie vor zu den Öffnungszeiten der Beratungsstelle telefonisch erreichbar. Es wird das ganze Spektrum an Beratungen angeboten – jedoch ohne persönlichen Kontakt.
Auch Anträge und Ähnliches werden von uns wie gewohnt erledigt. Hierfür haben wir ein eigenes kontaktloses System konzipiert, so können z.B. Unterlagen in unseren Postkasten geworfen werden. Eigentlich hat sich für unsere Klienten, bis auf den fehlenden persönlichen Kontakt, nichts geändert.

Gibt es jetzt mehr Anfragen?
Aktuell kontaktieren uns neue Klientinnen wenig. Wir glauben, dass viele Frauen diese Situation der Pandemie erstmal versuchen auszusitzen, solange es geht. Es herrscht im Moment generell sehr viel Verunsicherung. Viele Frauen wissen vielleicht gar nicht, dass die Beratungsstellen offen haben und, dass wir auch in dieser Zeit Hilfestellung anbieten.
Generell brauchen gewaltbetroffene Frauen oft ganz lange, um sich Hilfe zu holen. Sie klammern sich an die Hoffnung, dass es von alleine besser wird.

Fällt es in der Corona-Ausnahmesituation Frauen noch schwerer, sich Hilfe zu holen?
Ja, davon ist auszugehen. Wir leben jetzt in einem ganz anderen Alltag. Viele Familien sind jetzt daheim. Hinzu kommen Probleme, wie Arbeitslosigkeit oder Kurzarbeit – viele Frauen glauben wahrscheinlich, dass jetzt nicht der richtige Zeitpunkt sei, um einen Schnitt zu machen und sich Hilfe zu holen.
Die Aggressivität nimmt jedoch zu, wie die Statistik der Gewalthotline, welche die Frauenministerin kürzlich präsentiert hat, zeigt. Die Hotline verzeichnete um 70 Prozent mehr Anrufe.
Jetzt, wo viele Männer auch daheim sind, haben betroffene Frauen oft nicht die Möglichkeit zu telefonieren – der Mann kontrolliert sie. Frauen haben Angst, denn sie wissen nicht was passieren wird, wenn sie sich jetzt zur Wehr setzen? Wo soll der Mann in Zeiten von Corona hin?

Was soll man machen, wenn man bemerkt, dass z.B. in der Nachbarwohnung oft heftig gestritten wird?
Auch jetzt gilt: auf keinen Fall weghören und wegschauen! Man sollte versuchen, das Gewaltmuster zu unterbrechen. Wenn man die Nachbarin besser kennt, sollte man sie z.B. einfach mal anrufen. Ganz wichtig ist, dass man sich nicht selbst in Gefahr bringt. Im Zweifelsfall immer die Polizei anrufen. Lieber einmal zu oft die Polizei gerufen, als einmal zu wenig.

Sind derzeit noch Notwohnungen verfügbar?
Im Augenblick haben wir nur noch ein Zimmer zur Einzelnutzung frei. Wir können aber tirolweit weitervermitteln.

Glauben Sie, dass nachdem die Maßnahmen wieder gelockert werden mehr Anfragen kommen werden?
Davon ist auszugehen. Wenn die Frauen die Erlebnisse verarbeitet haben und Corona-stressfreiere Zeiten anbrechen, werden viele Frauen bereit sein, den Schritt in eine Beratungsstelle zu gehen.
Gut wäre es, wenn betroffene Frauen sich schon jetzt Informationen holen, wie sie aus einer Gewalt-Situation herauskommen.

Mit welchen Anliegen wenden sich die Frauen an euch?
Die Top 3 sind psychische oder physische Gewalt, Finanzen und Wohnen – wobei sich die Themen immer wieder vermischen, denn oft treten diese Probleme gemeinsam auf. Johanna Monitzer

In der Nachbarwohnung wird heftig gestritten  - was tun? „Im Zweifelsfall immer die Polizei anrufen. Lieber einmal zuviel alarmiert, als einmal zu wenig“, rät Beraterin Irene Schelkle. Symbolfoto: Pixabay

 
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