09.03.2018
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Arbeiten gehen mit Hindernissen

Gewerkschafterin Margit Luxner und Unternehmerin Bettina Huber über Frauen im Erwerbsleben

Wie sieht die Erwerbsrealität der Frauen im Bezirk aus? Wo besteht noch Aufholbedarf? Der Kitzbüheler Anzeiger bat Gewerkschafterin Margit Luxner und Unternehmerin Bettina Huber um ihre Einschätzung.

Bezirk  | Trotz steigender Erwerbsbeteiligung der Frauen bleiben die Unterschiede betreffend Teilzeit, Betreuungspflichten und Einkommen zwischen den Geschlechtern groß, wie eine Analyse von Statistik Austria zeigt. Der Lohnunterschied zwischen Frauen und Männern in der Privatwirtschaft ist in den vergangenen Jahren zwar von 25,5 Prozent (2006) auf 20,1 Prozent (2016) brutto pro Stunde gesunken, im EU-Vergleich liegt Österreich aber nach wie vor deutlich über dem europäischen Durchschnitt von 16,2 Prozent.

Nüchterne Zahlen sind das eine – die Arbeits- und Erwerbsrealität der Frauen eine andere Sache. Der Kitzbüheler Anzeiger bat ÖGB-Vorstandsmitglied Margit Luxner und „Frau in der Wirtschaft“-Obfrau Bettina Huber um ihre Gedanken zum Status quo im Bezirk.

Starre Betreuung

Beide plädieren dafür, die „Rahmenbedingungen zu optimieren“. Kinderbetreuung ist in dieser Hinsicht ein großes Thema: „Wenn Du keine nette Oma hast, wirst Du fast nicht in Vollzeit arbeiten gehen können“, formuliert es Luxner überspitzt. Die Betreuungszeiten in den jeweiligen Einrichtungen seien häufig immer noch zu starr, wie auch Bettina Huber kritisiert. „Oft handelt es sich da um eine Viertelstunde, um die es nicht ‚zusammengeht‘ “, ergänzt Luxner.  

Bettina Huber plädiert für flexiblere Angebote: „Zudem sollten die Betreuungskosten steuerlich noch besser absetzbar sein. In dieser Hinsicht ist aber schon einiges passiert.“
Um die Einrichtungen adäquat zu finanzieren, kann sich Huber sogar unterschiedliche Tarife – je nach den finanziellen Möglichkeiten der Familien – vorstellen. „Gute Kinderbetreuung soll für alle leistbar sein.“

Ein Umdenken in der Betreuungsfrage fordert auch Luxner und denkt neue Modelle an – etwa die Implementierung von Tagesmüttern in den Betrieben. Zudem solle man das „Kirchturmdenken“ der Gemeinden in dieser Frage aufgeben und gemeinsame Lösungen suchen. Unternehmensübergreifende Betriebskindergärten könnten auch eine Lösung für die Zukunft sein, ergänzt Huber.

Sie plädiert auch in der Arbeitszeit für Flexibilisierung. Damit komme man etwa der arbeitenden Mutter sehr entgegen: „Wenn ich mich drei Tage richtig reinhänge, habe ich dafür nachher Zeit für die Kinder.“ Margit Luxner begegnet dem skeptischer: „Da frage ich mich: Wie soll da noch ein Familienleben stattfinden?“ Vielmehr tritt die Gewerkschafterin für eine generell verkürzte Arbeitszeit  ein – wie die 30-Stunden-Woche nach Vorbild einer oberösterreichischen Firma. So könne auch der „Teilzeitfalle“ der Frauen entgegengetreten werden. „Aus volkswirtschaftlichen Gründen ist das ein absolutes No-Go“, hält die Unternehmerin dagegen. Jeder würde weniger verdienen und könnte sich sein Leben noch weniger „leisten“.

Bettina Huber fordert vor allem mit Blick auf die spätere Pension, dass die Betreuungsarbeit der Frauen stärker berücksichtigt werden sollte: „Das gehört voll auf die Pensionszeiten angerechnet, wenn eine Frau sich für die Familienarbeit entscheidet.“

Gehaltstransparenz

Generell ortet die Unternehmerin einen frischen Wind in der Gesellschaft: „Das Steinzeit-Bild ist sicher einmal gewesen, aber mittlerweile haben Frauen mehr Selbstvertrauen am Arbeitsmarkt.“ Dies sei auch das Zauberwort, um gleichen Lohn für gleiche Arbeit endgültig zu erreichen. „Frauen sollten sich mehr trauen“, ist auch Margit Luxner überzeugt. Aber zunächst haben Frauen im Gehaltspoker schon deswegen oft schlechtere Karten, weil sie Erwerbsunterbrechungen aufweisen bzw. ohnehin oft in Branchen arbeiten, die generell schlechter bezahlt sind.  Um auf die Situation aufmerksam zu machen, schlägt Luxner Lohntransparenz in den Unternehmen vor. „Ich glaube, da gäbe es ein großes Erstaunen, um wie wenig Geld Frauen arbeiten gehen“, erläutert die Gewerkschafterin. Dennoch ergänzt Margit Luxner, dass es bereits viele Betriebe gebe, die vorbildlich sind. Und Bettina Huber fügt hinzu: „Es ist schließlich nachgewiesen, dass gemischt geführte Unternehmen erfolgreicher sind. Und welches Unternehmen möchte nicht erfolgreich sein?“ Für Lohntransparenz tritt Huber in den Bereichen ein, in denen öffentliche Gelder eingesetzt werden, spricht sich jedoch klar gegen die Veröffentlichung von Löhnen in der Privatwirtschaft aus.
Ansonsten verweist sie auf das enorme Selbstvertrauen und auch die hohe Bildung, die sich die modernen Frauen angeeignet haben. Netzwerke und Förderprogramme können die Position am Arbeitsmarkt zusätzlich stärken. Das gelte auch dafür, wenn eine Führungsposition angestrebt wird. Verpflichtende Quoten lehnt Huber ab.
Sowohl sie als auch Luxner plädieren dafür, dass die bürokratischen Hürden weiter abgebaut werden, damit Frauen auch schneller zu ihren Unterstützungsangeboten kommen.
Elisabeth Galehr

Bildbeschreibung: Margit Luxner (re) ist Betriebsratsvorsitzende im AWH Kitzbühel und Mitglied im ÖGB-Regionalvorstand. Foto: Julia Hitthaler
Bettina Huber (li) ist Unternehmerin und Obfrau von „Frau in der Wirtschaft“. Foto: Birgit Pichler

 
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