04.02.2019
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55 Wegweisungen im Jahr 2018

Wenn der Partner zuschlägt – häusliche Gewalt gibt es auch bei uns: Statistisch gesehen gab es im Bezirk im letzten Jahr mindestens eine Wegweisung pro Woche.

Bezirk  | Nennen wir sie Sabine (Name frei erfunden). Sabine ist Unternehmersgattin, arbeitet in seinem Betrieb mit. Ihr Mann ist gesellschaftlich geachtet, er engagiert sich in der Gemeinde. Die beiden führen nach außen hin eine scheinbar perfekte Ehe. Doch wenn Sabines Mann nachhause kommt, ist er aggressiv. Zuerst sind es Gemeinheiten, Abwertungen, Kränkungen. Unter Einfluss von Alkohol rutscht ihm das erste Mal die Hand aus – was ihm nachher leid tut.  Sabine hält an der Beziehung fest. Einmal, zweimal, dreimal kommt es zu körperlicher Gewalt. Die blauen Flecken versteckt Sabine unter langen Ärmeln und Hosen. Wenn jemand ihre Verletzungen bemerkt, ist sie um keine Ausrede verlegen. Sabine hofft. Sie hofft, dass die Beziehung mit ihrem Mann besser wird. Vielleicht ist sie auch daran schuld? Was würden die Leute sagen? Und würde ihr jemand glauben?

Sabine gibt es wirklich. Sie lebt im Bezirk Kitzbühel und ist nur ein Fall von Gewalt, den Irene Schelkle vom Mädchen- und Frauenberatungszentrum betreut. „Psychische und physische Gewalt gegen Frauen zieht sich durch alle Gesellschaftsschichten sowie durch alle Gemeinden. Wir sind damit täglich konfrontiert. Es beginnt meist schleichend mit verbaler Gewalt, bevor es handgreiflich wird. Bei den meisten Tätern liegt eine unerkannte psychische Störung vor“, veranschaulicht Schelkle.

Wegweisungen in den letzten Jahren konstant

Im vergangenen Jahr sprach die Polizei im Bezirk Kitzbühel 55 Wegweisungen an häusliche Gewalttäter aus. „Schaut man sich die letzten drei Jahren an, ist die Anzahl der Wegweisungen im Bezirk relativ konstant gleichbleibend“, informiert Hans Peter Seiwald, Abteilung Gewaltprävention beim Landeskriminalamt.

In jedem Bezirk gibt es eigens geschulte Mitarbeiter für die Betreuung solcher Fälle.  Die Täter dürfen die gemeinsame Wohnung bei einer Wegweisung 14 Tage lang nicht betreten. „Hauptproblem ist, dass die Täter in dieser Phase komplett alleingelassen werden. Seit Jahren fordern wir eine verpflichtende psychologische Betreuung mit Anti-Aggressionstraining“, so Schelkle.

Oft kommt es gar nicht zu einer Wegweisung

Bei vielen Fällen, die Beraterin Schelkle kennt – so auch im Fall von Sabine, kommt es aber gar nie zu einem polizeilichen Einschreiten. „Es gab ein Gespräch bei der Polizei, wo Aussage gegen Aussage stand“, erzählt Schelkle. Zwei Jahre benötigte Sabine, um sich von ihrem Mann zu lösen. Die vormals angesehene Unternehmersgattin wagte einen Neustart ohne Arbeitsstelle und mit geringen finanziellen Mitteln. „Einige wachen erst auf, wenn sie der Mann krankenhausreif geprügelt hat. Eine Klientin von uns liegt gerade im Krankenhaus“, erzählt Schelkle.

Info-Zettel in den Damentoiletten des BKH

Immer wieder ist man im Bezirkskrankenhaus St. Johann mit Opfern von häuslicher Gewalt konfrontiert. Auf den Damentoiletten hängen Zettel in verschiedenen Sprachen aus, mit Informationen wo Frauen Hilfe finden können. „Die Frauen kommen in Begleitung des Täters. Da ist oft die Damentoilette der einzige Ort, wohin sie nicht begleitet werden“, veranschaulicht Tanja Puchinger-Kuster. Zudem gibt es im BKH eigene Opferschutzgruppen.

Die Situation verschärft sich bei  gewalttätigen Partnerschaften noch einmal, wenn es gemeinsame Kinder gibt. „Solange sich die Gewalt des Mannes nicht gegen die Kinder richtet, sind viele der Meinung, dass die Kinder nicht ohne Vater aufwachsen sollen“, erzählt Schelkle.

Renate Magerle, Obfrau des Mädchen- und Frauenberatungszentrums, zeigt die Spirale auf: „Es ist durch Studien belegt, dass Kinder, die selber Gewaltopfer waren oder in einem gewalttätigen Familiennumfeld aufgewachsen sind, selber oft als Erwachsene Gewalt ausüben – der Kreis schließt sich.“

Beratung beruht auf privater Initiative

Seit mittlerweile zehn Jahren gibt es das Mädchen und Frauenberatungszentrum mit umfangreichem Beratungsangebot sowie drei Notwohnungen in St. Johann. Die einzige reine Anlaufstelle für Frauen entstand auf Initiative des Soroptimist Club Kitzbühel. Sie finanziert sich zu 60 Prozent aus Mitteln der öffentlichen Hand (Bund, Land und Gemeinde), der Rest wird durch Spenden ermöglicht.

„Wir fordern seit Jahren mehr finanzielle Mittel“

Aufgrund mehrerer Morde, denen auch eine Wegweisung vorausging, wird das Thema Gewalt an Frauen österreichweit zum Thema gemacht. „Bei all den Diskussionen, ist das einzige was wir von der Politik brauchen: Geld. Wir fordern seit Jahren mehr finanzielle Mittel für Beratungen und Hilfe für  Opfer und Täter“, betont Magerle.

Dem Mädchen- und Frauenberatungszentrum ist es nun gelungen, durch die Unterstützung des Rotary Clubs Kitzbühel sein Angebot- und die Öffnungszeiten auszubauen. „Das war dringend notwendig. Jetzt wünschen wir uns nur noch größere Räumlichkeiten, damit wir Frauen nicht abweisen müssen und parallel in zwei Zimmern beraten können“, so Magerle.

Die Bundesregierung hat in Aussicht gestellt, mehr finanzielle Mittel für die Frauenberatung bereitzustellen. Ob es neue Gesetze bzw. die oft geforderte psychologische Betreuung von häuslichen Gewalttätern geben wird – ist nach wie vor offen.
Johanna Monitzer,  Symbolfoto: pexels.com

 
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