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Kitzbüheler Anzeiger
Regalpturm 2026

Der Regalpturm im Hauptkamm des Wilden Kaisers wurde vom Münchner Georg Leuchs am 11. August 1901 das erste Mal allein und ohne Seilverwendung bestiegen. Nach 125 Jahren steht die 1.000 dokumentierte Besteigung bevor.

Gipfelbücher dokumentieren Eroberung des Regalpturms

Georg Leuchs, Medizinstudent in München, bestieg am 11. August 1901 allein und ohne Seilverwendung den Regalpturm. Dass sich Leuchs in der Felsenwildnis des Ostkaisers sowohl im weglosen Schrofengelände als auch – in dem die höchste Aufmerksamkeit erfordernden Kletterbereich – zu bewegen wusste, bewies er neben vielen anderen Touren einen guten Monat später, als er im Zuge einer Umrahmung des Griesener Kars den Regalpturm ein zweites Mal bestieg.

Einer der schönsten Kaisergipfel
Gipfelbücher informieren über die immer lockende Besteigung des Turms. Für das 1910 hinterlegte Gipfelbuch verfasste Adolf Deye, ein Unternehmer in München mit Zweitwohnsitz in Kössen, der Erste auf der Führe von Hans Dülfer in der Fleischbank Ostwand, das Geleitwort.

Das Griesener Kar, dieses Paradies der Hochtouristen, hat es schon längst verdient, als erstklassiges Klettergebiet in weiten Kreisen bekannt zu werden. Dass es dies tatsächlich noch nicht ist, beweist die geringe Zahl an Ersteigungen in diesem Gebiet. Am schlechtesten kam bisher der Regalpturm davon. Es ist dies umso verwunderlicher, als der Berg sicher einer der schönsten Kaisergipfel ist und eine der kürzesten, elegantesten Klettereien bietet.

Und doch möchte ich gerade das Unberührte als das Wertvollste am Regalpturm bezeichnen und gerade der Umstand, dass nur wenige es gewagt haben, diesen Turm zu besuchen, brachte mich auf den Gedanken, hier ein Gipfelbuch zu deponieren, da auf diese Weise die Heranbildung einer vollständigen Ersteigungsgeschichte möglich ist, ein gewiss seltener Fall.

Gemeinsam mit seinem Freund Otto Herzog und dessen Schwester Paula gelang Deye im August 1910 die 6. Besteigung des Regalpturms.

Bis 1908 war der Turm auf der Route von Leuchs ein drittes und viertes Mal bestiegen worden, bei der 5. Besteigung im September 1909 fanden Carl Holzhammer, Carl Ibscher und August Schuster (1) einen neuen Weg, um auf den Turm zu gelangen: Sie warfen über einen circa 5 Meter oberhalb der Regalpscharte herausragenden Block ein Seil und erreichten mit Hilfe desselben [ein] Band ... [und] anfangs kriechend oder hangelnd nach 10 Metern auf die Leuchsroute nach deren schwierigstem Abschnitt und über diese den Gipfel (2).

Diese Variante wird auch heute noch bei hoher Schneelage im Frühjahr genutzt, um den Turm ohne Seilwurf direkt von der Scharte aus zu erklettern. Im September 1910 gelang Adolf Deye und Ernst Widmann mit der ersten Begehung der Nordostkante, die als nur unwesentlich schwieriger als der Leuchsweg gilt, die 7. Besteigung des Turmes.

Bayrische und Kufsteiner Bergsteiger
Bis dahin und auch noch im folgenden Jahrzehnt finden sich als Besteiger des Regalpturms fast ausschließlich Mitglieder von bayrischen Alpenvereinssektionen und bayrischen Kletterklubs.

Es wird einem fast schwindlig ob der großen Anzahl von Vereinen: Bayerland, Hochglück, Bergland (3), Oberland, Berggeist, AAVM, Sektion Rosenheim u.a.m. Vor und nach dem 1. Weltkrieg haben sich außer dem Führer Michael Gschwendtner (4), der von Hinterbärenbad aus einen Baron ... (5) auf den Turm geführt hat, und dem Kufsteiner Führer und späteren Stripsenjochwirt Franz Stöger samt Gast bis 1920 keine einheimischen Bergsteiger im Gipfelbuch des Regalpturms eingetragen.

Die Präsenz der bayrischen Bergsteiger in den Jahren bis dahin ist unübersehbar.

Die Besucher der Modeberge im Bereich des Stripsenjochs und des Ellmauer Tors stammten zwar ebenfalls größtenteils aus dem Raum München, an der Erschließung der Wände von Predigtstuhl, Fleischbank und Totenkirchl waren aber auch Kufsteiner Bergsteiger nicht unwesentlich beteiligt.

Außer Franz Stöger sind von den Kufsteinern bis 1920 jedoch nur Konrad Amort und Kaufmann – gemeinsam mit dem Bayerländer Fritz Zeitler auf dem Weg von den beiden Gamsfluchten bis zum Kleinen Törl – auf den Regalpturm gestiegen.

Im Oktober 1920 schrieb sich ein aus Innsbruck übersiedelter Alpinist im Gipfelbuch des Regalpturmes erstmals ein, viele weitere Eintragungen von ihm sollten folgen.

Revier der Kitzbüheler Gilde
Dr. Otto Zimmeter trug ein: Vorstand der Sektion Kitzbühel des DOeAV, AAKI (6), ÖTC (7). Er hatte im Frühsommer 1920 in Kitzbühel eine Rechtsanwaltskanzlei eröffnet, umgehend die Leitung der AV- Sektion übernommen und diese in kurzer Zeit auf Höhe gebracht.

Von da an finden sich immer wieder Eintragungen von Mitgliedern der Bergsteigergruppe der Kitzbüheler Alpenvereinssektion: der spätere Tibetforscher Peter Aufschnaiter im Juli 1921 mit einer Solo-Besteigung, Hans Lackner und Much Wieser im August 1922, Gabele Baumgartner, Lehrer in Scheffau – ein Freund Zimmeters vom AAKI und damals Kitzbüheler Sektionsmitglied – im Mai 1923, im Juli Zimmeter und Sollereder, im August Zimmeter mit den Brüdern Hans und Jakob Lackner sowie – mit wechselnden Partnern - Much Wieser und Hansjörg Schlechter. Wegen Differenzen mit dem Verwaltungsausschuss und der AV-Sektion Kufstein hat Zimmeter 1924 die Obmannschaft bei der AV-Sektion Kitzbühel niedergelegt und im März 1925 die Edelweißgilde Kitzbühel gegründet, in der sich die wirklich ausübenden Bergsteiger Kitzbühels versammelten.

Für die weitere Erschließung von Kletterrouten am Regalpturm zeichneten die Mitglieder dieses Kletterklubs verantwortlich. Im Mai 1925 erkletterten Hans Langer und Hansjörg Schlechter die Nordwand, im August 1927 Schlechter, Franz Fischer, Zimmeter und Wieser den Hansjörg-Riss, im September 1927 Schlechter und Zimmeter die Ostwand sowie Hans Wimmer und Wieser 1928 den Direkten Leuchsweg.

Angesichts dieser Entwicklungen kann man wohl mit Fug und Recht behaupten, dass der vorher von bayrischen Kletterern beherrschte Regalpturm innerhalb weniger Jahre zum Revier der Kitzbüheler geworden ist.

Die erste Kitzbühelerin auf dem Regalpturm
In einem Aufsatz „Der Regalpturm im Wilden Kaiser“(8) schildert Zimmeter die 100. Besteigung des Turmes: Mitten in der Woche marschierten wir zur Baumgarten-Alm und rückten dann am 22. September 1927 zum feierlichen Jubelbesuch an.

Am Sonntag, den 18. September hatten Schlechter, Kathi Thaler und der Kitzbüheler Fotograf Franz Angerer die 97. Turmbesteigung für sich verbucht. Wollte man sicher gehen, bei der 100. Turmbesteigung dabei zu sein, war es zweifellos angebracht, dem Turm vor dem nächsten Wochenende einen Besuch abzustatten.

Für die unternehmerisch tätigen Zimmeter und Schlechter sowie dessen Freundin Thaler kein Problem, wohl aber für Much Wieser, den Direktor der Kitzbüheler Volksschule. Dieser hatte am 22., einem Donnerstag, zweifellos Dienst.

Ob der Wichtigkeit des Vorhabens entschloss sich der Herr Direktor jedoch, die Schule zu schwänzen. Und so konnten die Vier, aufgeteilt auf zwei Seilschaften, die 98., 99. und 100. Besteigung (9) des Regalpturmes an einem wunderschönen Herbsttag – ohne Konkurrenz durch andere Kletterer – für sich verbuchen.

Regalpturm 2026

Much Wieser (1888 - 1952). 64 Eintragungen in den Gipfelbüchern des Regalpturms sind vom "Koasa Much".

Much Wiesers Lieblingsziel
Weniger spektakulär spielte sich die 200. Besteigung des Turmes in den Sommerferien 1936 ab.

Ludwig Karl Splechtna, Kontorist der Gaudeamushütte, und Much Wieser betraten den Turm bei einer Überschreitung von der Maukspitze bis zur Törl-wand, für Wieser war dies die 45. Besteigung des Turms.

Bei der beliebten „Überschreitung“ von der Mauk bis zum Kleinen Törl oder umgekehrt wurde eine Besteigung des Regalpturms oft mitgenommen und bis in die 1950er-Jahre war der Regalpturm immer wieder das Ziel vor allem einheimischer Bergsteiger.

Die vielen Gildenmarken im Gipfelbuch fallen auf. Much Wieser ist 1953 am Fuß des Regalpturms begraben worden.

Insgesamt 64 Besteigungen gehen auf das Konto von Much Wieser, der seit 1925 auf der Baumgarten-Alm das „Freiberghaus“ sein Eigen nannte, dort fast alle Wochenenden und nahezu die gesamte Ferienzeit verbrachte und den Turm mit Freunden und Freundinnen immer wieder einmal besuchte. Am 6. August 1949 hat der „Hausherr“ Much Wieser das 1910 von Deye aufgelegte Gipfelbuch anlässlich der 332. Besteigung abgehoben und durch ein neues ersetzt. (10) Ein am 11. August 1957 von den Gildenbrüdern Dr. Wolfmar Zimmeter (12), Pepi Graswander und Herbert Koidl aufgelegtes Buch beginnt mit der 421. Besteigung.

Die Kitzbüheler Bergsteiger (AV-Sektion und Gilde) waren in den folgenden Jahren mit dem Bau der Neuen Ackerlhütte beschäftigt, sodass in diesen Jahren unter den Eintragungen einheimischer Bergsteiger die St. Johanner unter dem aus Jochberg zugezogenen Hias Noichl (13), die der Kitzbüheler zu überflügeln beginnen. Mit dem Einverständnis der Kitzbüheler haben im Juni 1961 die St. Johanner Hans Lichtmannegger und Horst Eder und der Oberrndorfer Lenz Linsinger am Regalpturm Sonnwendfeuer gebrannt.

Regalpturm 2026

Die Eintragung der St. Johanner AV-ler (500.) und der Edelweißgilde (501.).

Missglücktes Jubiläum der Edelweißgilde
Groß war allerdings die Schmach, die Lichtmannegger und Eder den „Gildingern“ am 29. Oktober 1961 zufügten. Die Edelweißgilde hatte für ihre Jahreshauptversammlung den Gipfel des Regalpturms auserkoren. Im Zuge dessen sollte die 500. Turmbesteigung zelebriert werden. Die bei gar nicht so gutem Wetter von der Ackerlhütte zum Turm aufgestiegenen 22 „Gildinger“ konnten jedoch nur die 501. Besteigung für sich verbuchen.

Lichtmanegger und Eder hatten nämlich von der Pflaumhütte ausgehend den Turm an diesem Tag bereits dreimal bestiegen (14). Bei einer Begehung der Ostwand am Wochenende vorher hatten die beiden die 497. Besteigung des Turmes eingetragen und freuten sich jetzt diebisch, was ihnen mit ihrem Hattrick gelungen war (15).

Zu den Kitzbüheler und St. Johanner Besteigern des Turms gesellten sich im Laufe der Jahre auch zunehmend Bergsteiger aus dem Kaiserwinkl.

Einer der häufigsten Besucher der letzten Jahrzehnte, Toni Pellhammer aus Reit im Winkl, ist im Juni 1968 das erste Mal am Regalpturm gestanden, im September des gleichen Jahres vollzog er – vom Lärcheck kommend – die 600. Besteigung des Turmes. Im Laufe der Jahre wurde der Turm hauptsächlich im Rahmen von Frühjahrsskitouren und beim Feuerbrennen bestiegen. Um die Jahrtausendwende waren dies vor allem die Mitglieder der HG Klobnstoana Tom Kitzbichler, Andi Scharnagl, Joe Schwendtner und nach wie vor Toni Pellhammer.

Gipfelkreuz bei der 928. Besteigung
Zur Erinnerung an den am Lärch-eck-Ostpfeiler abgestürzten Vitus Dagn haben der Neuner Tom, der Woitatscher Andi und der Embacher Joe (16) ein Gipfelkreuz aufgestellt. Bei der 928. Besteigung am 21. Mai 2002 haben Andi und Tom das Fundament betoniert und ein paar Tage später zu dritt das Kreuz aufgestellt.

Im September 2024 wurde es mehr oder weniger unbeschädigt von Geri Wallner aus Going am Südfuß des Turmes im tiefen Schnee aufgefunden und zur Regalpscharte geschafft. Tom und Joe stellten es im Frühjahr 2025 wieder am Gipfel auf.

Das 1957 aufgelegte Gipfelbuch 17 wurde beim Feuerbrennen 2007 durch die jungen
St. Johanner Simon Berger, Christoph Bombek und Lisi Kendler anlässlich der 952. Besteigung durch ein von Horst Eder mit einem kunstvoll gestalteten Titelblatt versehenes Buch ersetzt.

In den 17 Jahren bis Ende Oktober 2024 sind in diesem Buch insgesamt nur 34 Besteigungen verzeichnet. Vor dem Wintereinbruch 2024 wurde das Buch zu Tal gebracht, da zu befürchten war, dass es im Winter in dem auf der Regalp-scharte deponierten Kreuz Schaden nehmen könnte. Erst nach dem Tod von Horst Eder im Dezember 2025 fand es den Weg zurück zur HG Ostkaiser und liegt wieder im Gipfelkreuz an der Turmspitze. Die letzte im Buch registrierte Besteigung trägt die Zahl 986. Wer als – registrierter – Tausendster auf dem Regalpturm stehen will, wird sich überlegen, wie er das am besten anstellt.

(1) August Schuster hat 1913 das bekannte Münchener Sporthaus „Sport Schuster“
gegründet.

(2) Im Juli 1912 gelang dies Hans Pfann und Ferdinand Keyfel erstmals ohne Seilwurf.

(3) 100 Jahre Sektion Bergland, Seite 12: Neun Münchner Kaufleute - 4 Bayern und 5 Preußen - riefen am 10.4.1908 die „Kaufmännische alpine Vereinigung Bergland“ ins Leben.
Treibende Kraft und Initiator war August Schuster.

(4) Bergführer mit Standort Griesner Alm seit 1905, 1918 als Soldat im 1. Weltkrieg in Albanien vermisst.

(5) Der Name ist nicht zu entziffern.

(6) Akademischer Alpenklub Innsbruck

(7) Österreichischer Touristenklub, damals abgekürzt ÖTC (heute ÖTK)

(8) Alpenfreund 9/1928, S. 14-19.

(9) 98. Thaler und Zimmeter über Leuchs, 99. Schlechter und Wieser über Deye, 100. alle vier über die Ostwand.

(10) So der Text der Eintragung im ersten Gipfelbuch. Dieses befindet sich im Besitz der Edelweißgilde Kitzbühel.

(11) Wieser hat es vermutlich gemeinsam mit privaten Unterlagen aufbewahrt. Davon ist praktisch nichts mehr vorhanden.

(12) Dr. Wolfmar Zimmeter, Sohn von Gildengründer Dr. Otto Zimmeter.

(13) Hias Noichl, Sektionsobmann der 1947 gegründeten ÖAV-Sektion Wilder Kaiser, war Mitglied der Edelweißgilde Kitzbühel.

(14) In folgender Reihenfolge: Leuchsweg, Nordostkante, Direkter Leuchsweg.

(15) Siehe Hans Wirtenberger „Die vermasselte Jubiläumstour“ in Kitzbüheler Heimatblätter, Nr. 4/2017 (210) und Horst Eders Berggeschichten in der St. Johanner Zeitung Nr. 8 - Oktober 2023.

(16) Im Gipfelbuch haben sich die Kössener meist mit dem Hofnamen eingetragen.

(17) Das von 1957 bis 2007 aufgelegene Buch befindet sich jetzt im Heimatmuseum St. Johann in Tirol.

Peter Brandstätter, Bergführer, erfolgreicher Kletterer, Verfasser von Kletterführern Waidringer Steinplatte, Wilder Kaiser (mit Adi Stocker), Mitautor von „Könige im Wilden Kaiser".

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